„Hier, die Geisel ist tot. Das geht so nicht. Reißen Sie sich zusammen, die ganze Gruppe. Das muss besser werden!“

Über den Autor

James Stejskal ist Autor und Militärhistoriker. Er verbrachte zuvor 35 Jahre im Dienst der US Army Special Forces (Green Berets) und der Central Intelligence Agency (CIA). Zu seinem Erfahrungen gehören Missionen in Afrika, Europa, dem Balkan, dem Nahen und Fernen Osten, sowie in den Berlin Special Forces während des kalten Krieges. 

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US Special Forces Berlin: Der Kalte Krieg, frühes CQB und Anti-Terrorismus in den 70ern

Der Artikel

Berlin, Herbst 1977

Das Echo der Pistolenschüsse hallte von den Betonwänden des Schießstandes, während dünne Rauchschwaden aus dem Walther P5-Lauf aufstiegen, der sie Sekunden zuvor abgefeuert hatte.

Drei Pappsilhouetten standen vor uns, durchlöchert.

„Runter mit den Ihre Waffe und lassen Sie uns jetzt mal einen Blick darauf werfen“, sagte Ron, unser Ausbilder.

Wir bewegten uns nach unten und gingen über die sieben Meter von der Feuerlinie zu den Zielen.

Ich hatte gemäß dem Trainingsbefehl vier Munitionsmagazine auf die nummerierten Ziele abgefeuert.

Von meinem Standort aus konnte ich sehen, welchen Schaden ich angerichtet hatte, aber Ron deutete auf den Rand.

Es waren meine beiden fehlgeleiteten Kugel, „Die Segelflieger“, wie er sie nannte und sie lagen außerhalb der akzeptablen Grenzen.

Unter Verwendung einer anderen Zielsilhouette überlagerte er eine über der anderen.

„Hier, und hier, das ist alles okay“, er bewegte die Pappe ein wenig, „Aber hier, die Geisel ist tot. Das geht so nicht. Reißen Sie sich zusammen, die ganze Gruppe. Das muss besser werden!“

Ein klares Urteil, sachlich verkündet.

Es spielte keine Rolle, dass die „Geisel“ nicht angezeigt wurde, als ich schoss; Genauigkeit war zu jeder Zeit oberstes Gebot.

Es waren die 70er Jahre. Wir befanden uns in Berlin, dem „Außenposten der Freiheit“, wie es so oft in der westlichen Presse hieß.

Es gab nur wenige von uns Special Forces-Typen in der Stadt, ein kleiner Bruchteil der 12.000 Amerikaner, Briten und Franzosen – die Alliierten –, die damals in Berlin stationiert waren.

Und das war im Grunde nur ein Bruchteil im Angesicht von dem, was wir auf der Gegenseite in Schach halten mussten: die 1.000.000 sowjetischen und ostdeutschen Truppen, die uns umgaben.

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Männer wurden zu vollendeten Profis im Krieg im Schatten

Damals, es war der Höhepunkt des Kalten Krieges zwischen der NATO und dem Warschauer Pakt.

Berlin war der Brennpunkt dieses Konflikts, obwohl anderswo auf der Welt viele blutigere Scharmützel und offene Schlachten um die Vormacht zwischen Ost und West stattfanden.

Unsere Mission in Berlin war geheim.

Wir waren als Detachment „A“ oder kurz Det „A“ bekannt.

Die geheime Bezeichnung unserer Einheit war Special Forces (SF) Berlin.

Diese einzigartige SF-Einheit war seit 1956 in Berlin stationiert und wartete auf den Moment, in dem der Kalte Krieg heiß werden könnte.

Sollte es zu einem Konflikt zwischen den Großmächten kommen, würde SF Berlin beauftragt, die sowjetische Sicherheit im Hinterland zu stören und den Vormarsch der Streitkräfte des Warschauer Pakts in Richtung Westeuropa zu verlangsamen.

Die Männer der Einheit mussten daher nicht nur Experten für unkonventionelle Kriegsführung, sondern auch für städtische Operationen sein.

Es war eine große Aufgabe für 90 Männer, die 110 Meilen hinter den feindlichen Linien stationiert waren.

Die Chancen für uns standen nicht gut, aber wir hatten das akzeptiert.

Das tägliche Leben in der Einheit war immer interessant – das Training für Spezialeinsätze, direkt unter der Nase des Feindes, war eine Herausforderung.

Die Männer unserer Einheit wurden unter der dem Druck zu vollendeten Profis im Schattenkrieg, ähnlich wie ihre Vorgänger im Office of Strategic Services.

Wir mussten immer verdeckt vorgehen und dabei fast schon esoterisch anmutende nachrichtendienstliche Fähigkeiten anwenden, die uns von Ausbildern der CIA gelehrt wurden.

Um davon einen Eindruck zu vermitteln: Das Tragen einer amerikanischen Armeeuniform war nie Teil unserer Missionen, wohl aber das Tragen einer Uniform der Gegner.

Sehr gute Sprachkenntnisse und eine genaue Kenntnis der lokalen Gepflogenheiten waren zwingend erforderlich.

Natürlich gab es noch andere einzigartige Aufgaben zu lernen, zum Beispiel wo und wie man die ostdeutsche Grenzverteidigung überquert, ohne erschossen zu werden.

Britisches CQB gepaart mit den „Quick Kill“-Techniken der US-Armee aus der Vietnam-Ära

Im Verlauf der 70er Jahre begann sich die Situation in der Stadt und im ganzen Land langsam zu verändern.

Terrorismus war ein neues Phänomen in Europa. Und es griff um sich.

Zunächst waren es nur kleine Anschläge, doch dann kam es zur Entführung der israelischen Olympiamannschaft in München und dem anschließenden Debakel auf dem Flugplatz Fürstenfeldbruck.

Hochrangige Offiziere des European Command der US-Armee wurde danach klar, dass das Militär auf solche Vorfälle, insbesondere Flugzeugentführungen, nicht vorbereitet war.

Der Leser sollte an dieser Stelle bedenken, wo wir damals in der Entwicklung von Militär und Geheimdiensten standenall das geschah lange bevor 1. SFOD-D alias „Delta“ gegründet wurde.

Also wurde Special Forces Berlin beauftragt, sich auf den Einsatz gegen Terrorismus auf europäischen Boden oder gegen amerikanische Einrichtungen vorzubereiten.

Damit 1975 wurde Det „A“ quasi die erste US-Militäreinheit mit einer Mission zur Terrorismusbekämpfung.

Für die Männer von SF Berlin gab es nun neue Fähigkeiten zu erlernen, die Terrorszenarien implizierten, während wir die zuvor entwickelten Taktiken des kalten Krieges natürlich nicht aufgeben konnten. Wir mussten uns spezialisieren in beide Aspekte der neuen Kriegsführung.

Um auf dem Gebiet der Taktiken zur Terrorismusbekämpfung Fortschritte zu erreichen, trainierten wir mit SWAT-Teams und Spezialeinheiten unserer Verbündeten: British SAS, German GSG9 etc.

Zusammen mit unseren Verbündeten entwickelten wir frühe Taktiken und Programme des modernen Anti-Terrorismus, inklusive modernen Formen von CQBClose Quarters Combat, heute ein integraler Bestandteil in der Ausbildung aller Special Operation Einheiten.

Einiges von dem, was wir damals entwickelten, stammte aus historischen Vorbildern: was Fairbairn in Shanghai lernte und Applegate in Area B-2 lehrte.

Und vieles kam von unseren britischen Freunden ​​– dem Special Air Service, SAS.

Mehrere unserer Soldaten verbrachten ein Jahr bei 22SASR und entwickelten ganz neue Nahkampf-Techniken und Philosophien, die Einzug in unsere operativen Umfelder nahmen.

Britisches CQB in Verbindung mit den „Quick Kill“-Techniken der US-Armee aus der Vietnam-Ära wurden in unsere Taktiken integriert, um unseren Schützen beizubringen, wie man ein kleines Ziel erfasst und trifft, ohne ein Visier zu verwenden.

Das erklärte Ziel unseres neuen, modernen CQB war einfach: Erfolg beim Töten zu garantieren.

Dabei spielen sechs Faktoren eine Rolle: Überraschung, Selbstvertrauen, Konzentration, Schnelligkeit, Teamfähigkeit und Offensivhaltung.

Beginnend bei 5 Metern und dann zurück zu 7 und 10 Metern, konnte unsere Schützen sehr schnell ein Ziel mit einem schnellen „Doppeltippen“ angreifen – zwei Runden in die tödliche Zone des ersten Ziels, einem 8-Zoll-Kreis, und dann nach unten zu einer 3-Zoll-Zielzone.

Zuerst waren es Einzelziele, dann mehrere, dann gemischte Schieß-/Nicht-Schieß-Ziele.

Intensiver wurde es mit einem Einzelschützen auf der Linie, dann paarweise, dann Viererteams und erst mit statischen, dann mit beweglichen Zielen.

Alles auf Zeit, alles unter Druck.

So weit, ist es gut.

Um aus dem oft mental zu beengten “Schießstanddenken” herauszukommen, bauten wir ein Schießhaus zum Üben von Sturmangriffen, inklusive Einzel- und Mehrbettzimmern, Fluren und Schränken. Heute ein Standard, war es damals eine Innovation.

Behörden überließen uns verlassene Gebäude in der Stadt und sogar leere Pan-Am-Flugzeuge, die isoliert auf dem Rollfeld des Berliner Flughafens Tegel standenall das gab uns die Möglichkeit, die ersten Anti-Terror-Szenarien unserer Generation ausgiebig zu üben.

Unser Training beinhaltete den Einsatz einer Kommandostelle, Scharfschützen-/Beobachterelemente und vier bis acht Angriffsteamsum Übungen für verschiedene Szenarien durchzuführen – eine gute Vorbereitung, da im Terrorismus fast alles und zur jeder Zeit als Bedrohung oder Angriff auftauchen könnte.

Aber das war nicht genug.

Wir mussten heimliche Einstiegs- und Überwältigungs-Techniken üben – im Wesentlichen bedeutete unser Training oft, schnell in das Zielgebiet zu gelangen, den Auftrag zu erledigen, und das Ziel schnell zu verlassen, sobald alles vorbei war.

Hier kamen die besonderen unkonventionellen urbanen Kriegsführungsfähigkeiten von SF Berlin ins Spiel. Wir hatten einen Vorteil.

In Kooperation mit unseren Verbündeten hatten wir zudem Verstärkung- Überwachungs- und Sicherheits-, Mobilität-, Infiltrations- und Exfiltrationsfähigkeiten entwickelt, die für uns alle innerhalb einer möglichen Counter Terror Operation und im Einsätzen mit tödlicher Gewalt nützlich sein konnten.

Niemand konnte damals sagen, wann und wie Sie jemanden – einen VIP oder ein hochwertiges Ziel – aus Ostdeutschland herausholen müssen? Alles war möglich.

Die Soft-Skills von Det „A“ wie Sprache, nachrichtendienstliche Fähigkeiten, Fachwissen in unkonventioneller Kriegsführung und die Fähigkeit, sich unauffällig in einer unbekannten Umgebung zu bewegen, gepaart mit der Fähigkeit zu dynamischen Sturmangriffen, gezieltes Schießen, um effektiv zu töten, und Spezialoperationsfähigkeiten waren eine Kombination, die nirgendwo sonst so verfügbar waren im U.S. Militär.

Und bald wurden diese Fähigkeiten gebraucht. Die Welt veränderte sich.

Männer, die verdeckt im Feindesland operieren konnten

Im November 1979 wurde die US-Botschaft in Teheran von “radikalen Studenten“, wie man sie damals nannte, überrannt und mehr als 50 amerikanische Geiseln genommen.

Drei weitere Amerikaner wurden im iranischen Außenministerium festgehalten.

Es dauerte nicht lange, bis das Pentagon handeln musste.

Zu diesem Zeitpunkt war SFOD-D bereits in Betrieb.

Die Einheit war nur wenige Tage vor der Geiselnahme im Iran für Anti-Terror-Missionen offiziell zugelassen worden.

Obwohl Delta damals schon die 90 Mann hatte, die notwendig waren, um die Geiseln aus dem Botschaftsgelände zu retten, hatten sie nicht gleichzeitig genug für die zweite Mission im dortigen Außenministeriums.

SF Berlin bekam diesen Job und zehn Männer unserer Männer wurden für die Operation ausgewählt.

Training, intensive Planung, Vorbereitung und Übung begannen, aber schnell gab ein Problem.

Es gab damals keinerlei Informationen über das eigentliche Ziel oder über die feindlichen Streitkräfte in der Umgebung des Ziels, und die damaligen Geheimdienste konnten nicht (oder wollten nicht, sagen manche noch heute) keine Informationen liefern.

Die offizielle Antwort auf das Problem war: Entsenden Sie ausgebildete Spezialisten, die das Ziel und die Missionsanforderungen verstanden haben. Männer, die in einem feindlichen Gebiet verdeckt und ohne Rückendeckung operieren konnten. Mit der Fähigkeit und dem Selbstvertrauen, die erforderlichen Informationen erfolgreich zu beschaffen, und sich dann mit der Angriffstruppe von Delta vor Ort treffen, um sie zum Ziel zu führen.

Wo findet man solche Männer, war damals die Frage.

Nur eine Einheit hatte sie einsatzbereit: Abteilung „A“ Berlin.

Wie wir alle heute wissen, war die Rettungsmission des Iran später ein Misserfolg, der mit einem schrecklichen Unfall in Desert One endete, der acht Menschen das Leben kostete.

Aber es gab auch eine erfolgreiche Seite der Mission – die erweiterte Aufklärungsmission in Teheran, die die erforderlichen Informationen für den Fortgang der Operation lieferte.

Die Lehren aus der Mission der Joint Task Force 79 führten zum Goldwater-Nichols-Gesetz und zur Schaffung des U.S. Special Operations Command.

Wir lernen, wir entwickeln uns fort – das war seit jeher eine Stärke amerikanischer Spezialeinheiten. Und damals hatten wir erst begonnen.

Die vollständige Geschichte von Det „A“ wird in meinem Buch Special Forces Berlin: Clandestine Cold War Operations of the US Army’s Elite, 1956–1990 erzählt.

Natürlich, nicht alle Geschichten von SF Berlin konnten erzählt werden, aber ich habe einen Weg gefunden, die Lücke zu füllen: als Fiktion.

So wurden The Snake Eater Chronicles geboren, meine Thriller-Serie.

Die erste Ausgabe dieser Reihe heißt “A Question of Time”. (Casemate Publishers, November 2020).

Weitere spannende Einblicke und Geschichten werden folgen.

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Photos by James Stejskal